Böse Dinge

enzyklopädie des ungeschmacks berlin ausstellung museum der dinge 2009

Das Museum der Dinge zeigt mit Böse Dinge. Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks eine Ausstellung der Geschmacksverirrungen.

“Wollen wir erkennen, worin der gute Geschmack besteht, müssen wir zuerst den schlechten Geschmack beseitigen.” Mit diesem Ziel eröffnete der Kunsthistoriker und Museumsdirektor Gustav E. Pazaurek 1909 im Stuttgarter Landesgewerbemuseum seine “Abteilung der Geschmacksverirrungen”. Er entwickelte dafür eine komplexe Systematik zur Einordnung von Gestaltungsfehlern aller Art, um sie am Gegenstand selbst zu entlarven. Entsprechend der Philosophie des Werkbunds ging Pazaurek von einem starken Einfluss der Dinge auf den Menschen aus, im ästhetischen wie ethisch-moralischen Sinne.

Für seinen Fehlerkatalog bediente er sich einer drastischen Nomenklatur. Die Urteile, die er über die Dinge fällte, werden in strafrechtliche Kategorien gefasst zu einer Metaphorik des Bösen. Die Bösartigkeit der Dinge bezieht sich dabei nicht auf Taten, die mit ihnen ausgeführt werden könnten, nicht auf ihren Zweck oder ihren Zeichencharakter, sondern auf das Böse, bzw. Schlechte, das sich in ihrer Ausführung, Gestaltung und in ihrer Funktionsfähigkeit manifestiert. Zwischenzeitlich werden diese Warnungen als nicht mehr zeitgemäß empfunden.

Die Ausstellung versucht erstmals eine Rekonstruktion der “Abteilung der Geschmacksverirrungen” und zeigt über 50 Leihgaben aus der Originalsammlung des Landesmuseums Württemberg. Darüber hinaus nimmt sie Pazaureks Systematisierung zum Anlass, um aktuelle Gestaltungstendenzen zu untersuchen. Eine Auswahl zeitgenössischer Produkte – von der Massenware bis zum Designerstück – wird deshalb den historischen Objekten gegenüber gestellt.

Im Zeitalter des Stilpluralismus scheint es heute unmöglich, eindeutige Kriterien des “guten” oder “schlechten” Geschmacks auszumachen. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch erstens, dass Pazaureks Richtlinien unverändert auf zahllose zeitgenössische Gegenstände anwendbar sind, bei denen dabei gleichzeitig ein spielerischer und ironischer Umgang mit Gestaltung erkennbar wird und zweitens, dass moralische Kriterien im Zusammenhang mit einem neuen Konsumentenbewusstsein wieder wichtig geworden sind. Häufig jedoch sind derartige “Verbrechen” den Dingen nicht in erster Linie anzusehen, weil sie sich nicht in der Konstruktion, dem Material oder dem Dekor offenbaren, sondern im Kontext von sozialen, ökonomischen und ökologischen Faktoren liegen. Pazaureks Fehlerkatalog wird deswegen um neue Kategorien ergänzt.

Im letzten Teil der Ausstellung werden die Besucher eingeladen im Spannungsfeld zwischen dem Spielerischen und dem Moralischen die Enzyklopädie fortzuschreiben und erhalten bei Mitbringen eines “bösen Dinges” freien Eintritt.

Zeit:
16.07.2009 – 30.11.2009
Fr, Sa, So, Mo 12 – 19 Uhr

Ort:
Werkbundarchiv – Museum der Dinge
Oranienstraße 25
10999 Berlin