Design als Emanzipation oder Prostitution?

Um den Überlegungen von Prof. Dr. Rainer Funke zur Arbeitswirklichkeit von Designern in Deutschland in Hinsicht auf berufsethische Grundfragen lauschen zu dürfen, muss man sich am Montag, den 30. Januar, vor die Tore Berlins, genauer gesagt nach Potsdam, begeben. Der Titel des Vortrags lautet: Design als Emanzipation oder Prostitution? Können wir uns noch Ideale leisten?

Aus der Medieninformation:

Die landläufigen Vorstellungen über den Arbeitsalltag, die Gestaltungsmöglichkeiten und die Einkommensverhältnisse von Designern sind von zahlreichen Illusionen und Projektionen gefärbt. Der Designer-Beruf ist mit einem außerordentlich hohen Sozialimage versehen. Neben Architekten, Künstlern oder etwa Werbetextern gelten Designer als schillernde, spielerisch agierende, sich kreativ verwirklichende Macher dieser Gesellschaft. Dieses Image wird von zahlreichen medialen Quellen gespeist. In nahezu jeder Soap Opera und auf vielen bunten Zeitschriftenblättern wird uns vorgeführt, wie Designer angeblich arbeiten und leben. Die makellos schöne Welt des Luxus – oder wenigstens der Aussicht auf Luxus – und der unbekümmerten Lebensfreude während und nach der Arbeit ist eines der Grundmotive dabei. Darüber hinaus führt die allgemeine Aufwertung des Begriffs „Design“ im Zusammenhang mit den üblichen Bestrebungen, das eigene Leben durch eine gut gestaltete Umgebung – einschließlich der Mode – in seinem Erlebniswert anzuheben, zu einer Verklärung des Bildes von denen, die all die schönen Dinge entwerfen.

Dazu steht die harte Arbeitswirklichkeit von Designern in Deutschland in einem krassen Gegensatz. Innerhalb der letzten Jahre, speziell nach dem Zusammenbruch der „New Economy“, ist der Markt für Designleistungen in Deutschland in einem Maße von Konkurrenz, Überangebot und Dumping gekennzeichnet, dass es heute AbsolventInnen der Hochschulen außerordentlich schwer haben, einen einigermaßen akzeptablen Berufsstart zu vollziehen. „Generation Praktikum“ und „Rankism“ (vgl. Robert W. Fuller: Somebodies and Nobodies: Overcoming the Abuse of Rank, 2003) treffen in voller Härte auf DesignabsolventInnen zu. Es ist überhaupt nicht unüblich, dass voll ausgebildete Designer über viele Monate hinweg mehrmals hintereinander als Praktikanten eingestellt und gar nicht oder mit einem Hungerlohn abgefunden werden. In Korrespondenz hierzu steht die mannigfaltige Selbstausbeutung freiberuflicher Designer, aber eben auch die schwierige wirtschaftliche Situation kleinerer und mittlerer Designunternehmen.

Hinsichtlich dieses Spannungsfeldes zwischen einem trivialen, projizierenden Designbegriff und der Arbeitswirklichkeit der DesignerInnen ist die Frage zu stellen, ob und in welchem Masse sich DesignerInnen an Idealen orientieren, die einen Berufsethos begründen. Die Geschichte der Disziplin Design ist von zahlreichen und zeitweise sehr starken berufsethischen Orientierungen geprägt. Immer wieder war es das grundsätzliche Bestreben von Designern, mit ihrer Gestaltung das alltägliche Leben der Menschen, vor allem auch der Menschen mit geringerem Einkommen, grundlegend zu verbessern. Der Gedanke des funktionalistischen Design war eng mit dem Ziel der Befreiung der Menschen von Armut, Ausbeutung und unwürdigen Lebensverhältnissen verbunden und in seiner theoretischen Begründung stark an religiös oder kommunistisch geprägte Sozialutopien angelehnt. Die Angst vor der zerstörenden Wirkung der Industrialisierung hat die Ökologie zu einer Quelle von Werten und Gestaltungsstrategien gemacht. Aber auch die Postmoderne im Design war von emanzipatorischen Zielen getragen: es galt die Phantasie und die Sinnlichkeit gegen ein genuss- und sinnenfeindliches rationalistisch-kaltes Konzept des Verhältnisses der Menschen zu den Dingen zu befreien.

Wo aber nehmen heute Designer ihre Wertorientierung her? Können sich Designer angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Situation überhaupt Wertorientierungen für die eigene Arbeit leisten? Vielleicht ist auch Design in der nüchternen Normalität eines arbeitsteiligen Prozesses angekommen, in der sich die Frage nach speziellen Wertbegründungen überhaupt nicht mehr stellt? Zu diesen Fragen sollen mögliche Positionen skizziert werden. Zurückgegriffen wird dabei auf die Ergebnisse eines Seminars, in dem im Sommersemester 2005 DesignstudentInnen der Fachhochschule Potsdam Design-Profis und DesignstudentInnen nach ihren berufsethischen Grundsätzen befragt haben.

Ort: „Schaufenster“ der FH Potsdam am Alten Markt, Friedrich-Ebert-Str. 6, 14467 Potsdam

Zeit: 30. Januar 2006, 18.00 Uhr