Object Lessons

object lesson museum der dinge berlin

Das Werkbundarchiv – Museum der Dinge fragt vom 16.9.16 bis 16.1.17 in der Ausstellung Object Lessons. Material begreifen in 8 Lektionen, was vor den fertigen Produkten und Dingen liegt.

Wer Kerzen aus Fett und Schreibfedern aus Fischgräten machen kann, überlebt im Kerker. Wer sich mit der Verbindung von Blut und Zitronensaft auskennt, entfernt hartnäckige Flecken. Wer Abfallstoffe wiederverwertet, kann aus Altem Neues schaffen. Wer weiß, warum Polylactid nachhaltiger ist als Polyethylen, kann die Welt verändern.

Wissen um Material, seine Herkunft und Verarbeitung ist heute begehrt wie selten zuvor und erscheint dennoch – im Zuge fortschreitender Industrialisierung, Globalisierung und Digitalisierung – immer spezialisierter und ungreifbarer. Wollen wir etwas über Material wissen, lesen wir Verpackungsrückseiten und Testberichte oder installieren Apps, die uns die verschiedenen Inhaltsstoffe von Waren entschlüsseln. Grundsätzlich gilt, dass die so erlangten Einsichten nur produktbezogen und inzidentell sind. Wie wird nun ein experten-gebundenes Materialwissen wieder zum Allgemeinwissen? Wie wird Vermittlung über Material gestaltet und wo findet sie statt?

Schaut man genauer hin, gab es bere its im 18. Jahrhundert ein explizites Lernen mit, über und durch Material. Eine ‚Materialbildung’ also, die sich in der Pädagogik und der Wissenschaft, in Handwerk, Handel und Haushalt, aber auch in der Populärkultur manifestierte. Ihre faszinierende Geschichte wird im Museum der Dinge erstmals anhand außergewöhnlicher Objekte und Materialien veranschaulicht.

Von Baumbüchern, Schlackenschotter, Korkstoppeln, Muschelseide, Hasennudeln, Wolkenleder und Bioplastik über die frühesten DIY Ratgeber bis hin zum ersten digitalen Materialarchiv zeigt die Ausstellung, wie aktuell Materialbildung schon immer war, warum sie verloren ging und wie sie morgen aussehen könnte.

Im Zentrum der Präsentation stehen ein Buch und ein kleiner Kasten, der über hundert Materialien enthält – von Gips über Blattgold bis Zucker und Reis. Die Publikation Lessons on Objects (1830) und die dazugehörige Object Lesson Box sind das tastbare Erbe der Geschwister Charles und Elizabeth Mayo, die den Anschauungsunterricht des Schweizer Reformpädagogen Johann Pestalozzi in ein eigenes, verbindliches Konzept überführten, um es in ihrer Schule im Süden Londons anzuwenden.

Das Buch enthält exemplarische Dialoge, in denen Kinder aufgefordert werden, durch Schauen, Anfassen, Riechen, Schmecken die unterschiedlichen Materialien im Kasten zu erforschen. So werden über die Eigenschaften der Dinge hinaus auch Kenntnisse zu Sprache, Landeskunde, Geschichte und Naturwissenschaften vermittelt.

Die Ausstellung nimmt das dialogische Prinzip der Object Lessons als Basis, um die Vermittlung von Materialwissen in insgesamt acht Lektionen exemplarisch zu zeigen, die anhand einprägsamer und markanter Exponate auf die Diversität der Materialbildung aufmerksam machen und ihre vergessene Geschichte erzählen.

Ort:
Werkbundarchiv – Museum der Dinge
Oranienstraße 25
10999 Berlin

Zeit:
Eröffnung: Donnerstag, 15. September, 19 Uhr
Öffnungszeiten: Donnerstag bis Montag 12.00 – 19.00 Uhr

Bild:
Object Lesson Box (Detail)
nach 1830
Sammlung Museum of the History of Science, Technology & Medicine, University of Leeds
Foto: Ann-Sophie Lehmann