Schrill Bizarr Brachial

80er Design Ausstellung

Das Bröhan Museum zeigt bis zum 1. Februar 2015 in der Ausstellung Schrill Bizarr Brachial etwa 80 Entwürfe des Neuen Deutschen Designs der 80er Jahre.

In den 80er Jahren machten in den deutschen Großstädten Künstler und Designer mit schrillen, bizarren, brachialen, ironischen und zum Teil kitschigen Möbeln und Objekten Furore. Die Bewegung, die Neues Deutsches Design genannt wurde, stand ähnlich wie die Neue Deutsche Welle oder der Neue Deutsche Film für einen radikal neuen Ansatz: Design außerhalb des Systems der industriellen Produktion und gespeist aus allen möglichen kulturellen und subkulturellen Quellen. Zum ersten Mal blickt nun eine groß angelegte Ausstellung mit historischem Abstand zurück auf dieses Phänomen, das nur eine kurze Hochphase hatte: von 1982, als in Hamburg eine erste Ausstellung mit dem Titel „Möbel perdu – Schöneres Wohnen“ stattfand, bis zur Wiedervereinigung. Das Neue Deutsche Design ist deshalb auch ein Zeitdokument für ein Deutschlandbild, wie es heute nicht mehr existiert, und eine der letzten großen kulturellen Leistungen der alten Bundesrepublik.

Eine junge Generation von Gestaltern hatte unabhängig voneinander Anfang der 80er Jahre in der ganzen Bundesrepublik und in West-Berlin damit begonnen, grundlegend mit der Tradition der „Guten Form“ zu brechen. Vom Deutschen Werkbund vor dem Ersten Weltkrieg begründet, vom Bauhaus meisterhaft exerziert und nach dem Zweiten Weltkrieg von der Hochschule für Gestaltung Ulm zur Perfektion gebracht, hatte das deutsche Design unter den Schlagworten „die Gute Form“ oder „die Linie der Vernunft“ einen ganz eigenen Designansatz geprägt, der mit Rationalität und auf wissenschaftlichen Erkenntnissen fußend nach einer sachlichen, unemotionalen und möglichst effizienten Gestaltung für die Dinge suchte. Mit der 68er-Bewegung und den gesellschaftlichen Veränderungen, die die sozialliberale Koalition in den 70er Jahren angestoßen hatte, war diese auf Rationalität und industrielle Fertigung fixierte Designhaltung in die Krise geraten. Nun sollten die Möbel und Objekte Geschichten erzählen, die gesellschaftliche Situation reflektieren, oder zum Nachdenken über das deutsche Selbstverständnis anregen. Sie durften, wie Christian Borngräber formulierte, den Sehnerv verletzten, nicht jedoch das Sitzfleisch. Bei Schulz-Pilaths Tisch Tarantula krabbelt eine Spinne durchs Wohnzimmer, mit Stilettos Consumer´s Rest Lounge Chair sitzt man in einem transformierten Einkaufswagen, mit der Stehleuchte A59 holt Volker Albus die Autobahn in die Wohnung, die Gruppe Kunstflug verbindet Natur und Künstlichkeit in ihren Baumleuchten und mit dem Beistelltisch Pershing domestiziert Herbert Jakob Weinand den Kalten Krieg.

„Schrill Bizarr Brachial. Das Neue Deutsche Design der 80er Jahre“ zeigt etwa 80 der wichtigsten Entwürfe dieser Zeit, darunter Möbel und Objekte von Stiletto, Volker Albus, Heinz Landes, Andreas Brandolini, Wolfgang Flatz, Axel Kufus, Jasper Morrison und der Gruppen Möbel perdu aus Hamburg, Kunstflug aus Düsseldorf, Pentagon aus Köln, Ginbande aus Frankfurt sowie Bellefast und Cocktail aus Berlin. Auch einige historische Ausstellungsinszenierungen konnten rekonstruiert werden, etwa das „Deutsche Wohnzimmer“ von Brandolini für die Documenta 8 oder ein Ensemble der Hamburger Galerie Möbel perdu. Zu sehen sind außerdem einige Stücke aus der Ausstellung „Kaufhaus des Ostens“, die 1985 schon einmal an diesem Ort präsentiert wurde – in den Räumen des Deutschen Werkbunds im heutigen Bröhan-Museum. Die Ausstellung macht die Entwürfe der diversen Künstler, Designer und Designgruppen wieder sichtbar und wirft einen neuen Blick auf diese Strömung der 80er Jahre.

Begleitprogramm zur Ausstellung:

- Kostenlose öffentliche Führungen an jedem 1. und 3. Sonntag im Monat (zzgl. Museumseintritt), 14 Uhr, Anmeldung nicht erforderlich

- Kostenlose öffentliche Kurzführungen an jedem 1. Mittwoch im Monat, 16 Uhr, Anmeldung nicht erforderlich

- 80ies Night. Ein Abend mit Musik und Design, Mittwoch, 26.11.2014, ab 18 Uhr, Kosten: 8,– €/erm. 5,– €, Anmeldung nicht erforderlich

- Die Konzertreihe „Junge Musiker begegnen dem Jugendstil“ an jedem 1. Donnerstag im Monat, 14 Uhr, ist im November und Januar thematisch auf die Ausstellung abgestimmt, Anmeldung nicht erforderlich

- Workshop für Kinder ab 8 Jahren: „Kissenschlacht“, Samstag, 22.11./Sonntag, 23.11.2014, 11–14 Uhr (2 × 3 h), Kosten: 15,– € pro Kind, Infos und Buchung über Jugend im Museum e.V., Tel.: 030/266422242

Ort:
Bröhan Museum
Schloßstraße 1a
14059 Berlin

Zeit:
Dienstag bis So von 10 bis 18 Uhr und an allen Feiertagen (24.+31.12. geschlossen)

Eintritt: 8,- €, erm. 5,- €

Bild:
Andreas Brandolini
DEUTSCHES WOHNZIMMER – ENSEMBLE FÜR DIE DOCUMENTA 8, 1987
Museum für Konkrete Kunst, Ingolstadt, und Andreas Brandolini
Foto: Martin Adam, Berlin